Februar 2024
dieses Mal Andrea Veselá
Slowakischer Rundfunk in Bratislava von Štefan Svetko, Štefan Ďurkovič, Barnabáš Kissling
Das Gebäude des Slowakischen Rundfunks ist alles andere als rudimentär. Und sicher ein gewagtes Experiment. Es wurde über einen Zeitraum von 20 Jahren lang geplant und realisiert, stammt aus den politisch entspannteren sechziger Jahren und wurde 1984 fertiggestellt. Es stellt eine „townmark“ in der sogenannten „Querachse“ des damals entstehenden neuen Zentrums von Bratislava dar. Letztlich wurde nur ein Teil des Quartiers realisiert. Das Gebäude selbst gilt bis heute als eine merkwürdige Ikone.
Die Architektur wurde aus dem in den 60ern oft wiederholten Prinzip des Sockel-Hochhauses entwickelt. Jedoch mit einer umgekehrten Pyramide als Vertikalelement.
Im Sockel sind die Produktionsräume beherbergt. Die Aufnahmestudios und der Konzertsaal sind sowohl durch konstruktive als auch architektonische Lösungen akustisch isoliert. Konstruktiv wurden diese Räume durch monolithische Wände, Boden und Decken  vom übrigen Baukörper baulich abgetrennt, zusätzlich werden diese durch Federn gegen die Vibrationen geschützt. Der Federansatz wurde patentiert und hier erstmals eingesetzt. Architektonisch ist die akustische Isolierung durch die Positionierung des oberen pyramidalen Teils auf 8 Stützen gewährleistet.
Der Redaktions- und Verwaltungsbereich befindet sich in der umgekehrten Pyramide. Er besteht aus 6 Stockwerken, die sich nach oben in die Breite erstrecken. Dabei kragen die Stockwerke jeweils um 330 cm aus. Somit konnte die Fläche dieses Bereiches erheblich vergrößert werden und sich über nur 6 Stockwerke erstrecken. Ein Stahlbetonkern in der Mitte der Disposition verbindet alle Geschosse. In diesem Teil entsteht um den Kern herum eine sich verbreitende 5-stöckige Innenhalle. Damals eine innovative Lösung und bis heute ein wichtiger Treffpunkt und Aufenthaltsraum. Die über einander überragenden Geschosse schützen zudem gegen Überhitzung und Witterung. Die obersten Geschosse der Pyramide sind als Stahlkonstruktion vom Kern abgehängt. Hier wurden die Funkräume mit den höchsten Anforderungen an die empfindliche Technik und den Rundfunkbetrieb geschaffen.
Die diagonalen Stahlträger, welche die Fassade der Pyramide rhythmisieren, haben eine durchaus statische Funktion und leiten die Schrägkräfte der Pyramide entlang ihrer gedachten Oberfläche weiter.
Unnützes Wissen: Die bekannten Klingeltöne der Nokiamobiltelefone von 2012 stammten höchstwahrscheinlich aus dem Studio des Rundfunks.
Weiterführende Informationen:
Auf der Webseite archiweb.cz – Slovenský rozhlas sind weitere Fotos, Schnitte und Pläne zu sehen.

 

zum Beitrag:
Wäre heute ein solches Gebäude noch denkbar? Mit Sicherheit zu unwirtschaftlich und gewagt. Und das macht es zu einer dieser Ikonen von Häusern, deren Innovationsvermögen heute bereits im Kern erstickt werden würde. Mal schau’n, wie lange dieses Juwel die restaurativen Kräfte unseres Jahrhunderts überlebt.

Thomas Gerstmeir

Foto: Andrea Veselá

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert