Februar 2016

Haus des Monats Februar: Ferienhaus Engadin
Architekt: C.H. Kathan, 1962

Ein idyllisches Chalet vor schneebedeckter Bergkulisse! Das Bild täuscht. Die hervorstehenden Deckenbalken sind nur angeklebt; das Dach ruht nicht auf schweren Pfetten, sondern auf materialsparenden Nagelbrettbindern; der massive Strickbau ist in Wirklichkeit eine holzverkleideten Fachwerkkonstruktion – das einzig Massive an diesem Haus ist der betonierte und mit Natursteinmauerwerk verkleidete Kamin. Der Schweizerstil ist eher angedeutet als imitiert.
Ein frühes Fertighaus der 60er Jahre – von einem fortschrittsgläubigen Architekten geplant, in der Fabrik vorgefertigt und auf der Baustelle montiert. Eine sonderbare Mischung aus modernster Bautechnik und eklektischem Alpenkitsch.
Häuser wie dieses findet man überall in den Alpen, ein typisches Ferienhaus, ermöglicht durch den Wohlstand des Wirtschaftswunders. Nach den harten Nachkriegsjahren als Ausdruck einer Sehnsucht nach der Behaglichkeit der guten alten Zeit.
Langsam verschwinden diese Zwitter aus fortschrittlichem Bauen und unbeholfenem Zitat der bäuerlichen Tradition der Region. Die Haustechnik, die Raumanforderungen und der Geschmack haben sich geändert, eine Sanierung ist unter wirtschaftlichen Aspekten oft nicht sinnvoll und so ziehen es die neuen Besitzer – oft die Nachkommen der Erbauer – vor, abzureißen und neuzubauen. Überraschend, dass in die neuen, modernen Häuser wiederum Schellen-Ursli-Türen eingebaut werden und aufgemaltes „Sgraffito“ die Fassade schmückt.
Ich sehe diesen Ferienhaus-Typus, trotz der architektonisch fragwürdigen Qualität mit Wehmut verschwinden. Sagt er doch viel aus über die Entstehungszeit und seine Erbauer. Für mich – der damit aufgewachsen ist – sind das maschinelle Schnitzwerk und die Zirbelstube aus dem Katalog authentischer, als das historische Vorbild aus dem Freilandmuseum.
Am Ende sehe ich ein idyllisches Chalet vor schneebedeckter Bergkulisse.

Dominik von Waldthausen, München, 28.01.2016

zur Person:
Schon als Student war Dominik auffällig. Auffällig, weil er als Quereinsteiger aus der Landschaftsarchitektur diese unverdorbene Frische mitbrachte, die an manchen Architekturschulen oft verloren geht. Seine Lust an der wohl kalkulierten, entmoralisierten Gratwanderung zwischen Imitation und Original, Authentizität und Nachbau kostete er nicht nur an seiner Masterarbeit aus. Wir gratulieren ihm aus ganzen Herzen zum Döllgastpreis, den er dafür völlig zu recht erhalten hat.

Thomas Gerstmeir, München, 28.01.2016

Das Haus des Monats März 2016 wird vorgestellt von:
Martin Klein, Architekt, Steidle Architekten


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