Januar 2021

dieses Mal: Gloria Glatt

Polykatoikia
Da steht es – na wie soll man es nennen ? – Rohbau, Betongerüst, Fragment – mitten in Athen an einer dichtbefahrenden Straße. Man fragt sich: Ist dem Bauherren das Geld ausgegangen? Was muss dazwischen gekommen sein, es nur im Erdgeschoss zu einer Verkaufsstätte für Taxis auszubauen? Der Zustand dieses Betonskeletts lässt zumindest erahnen, dass es hier schon eine Weile unberüht herum steht.
Dieses unvollendete Haus ist jedenfalls ein Blickfang: die eigenwillige Form, ein polygonales U; bestehend lediglich aus Treppe, Aufzugsschacht, Stützen, Unterzügen, Decken – besonders speziell durch die ausgeschäumten Sicken der Rippendecke. Gekrönt wird es durch das überdimensionale Werbeschild mit seiner feingliedrigen Halterung. Alles ist unvollendet, improvisiert, eigenwillig in der Gestalt, fristet sein Dasein seit Jahrzehnten, degradiert zur Werbefläche.
Dieser Bau ist Beispiel für einen Typus, der nach dem zweiten Weltkrieg für die schnelle Urbanisierung Athens mitverantwortlich war: Die Polykatoikia (die wörtliche Übersetzung lautet „Vielfach-Wohnhaus“, welche das additive Aufeinandersetzen des Einfamilienhauses beinhaltet).
Die griechische Version von Le Corbusiers Domino-System zeichnete sich durch seine schnelle und einfache Konstruktionsmöglichkeiten aus. Außerdem war das Baukastensystem mit geringen Kostenaufwand verbunden, äußerst robust, vor allem nicht schwer nachzubauen und der Grundtypus leicht abzuwandeln. Aufgrund der konstruktionstechnischen Logik der Beton-Struktur ohne tragende Zwischenwände ließ sich der Gebäudetyp in Etappen ausbauen und beziehen, auch eine zeitweilige Unterbrechung war möglich. So ließen sich aufgrund des Zustand des Gebäudes leicht Rückschlüsse auf die Lebensumstände der darin Wohnenden ziehen: Die Familie wächst und ein zusätzliches Geschoss wird ausgebaut.
Allerdings war für manche die Polykatoikia als das Grundmodul der modernen Stadt eine misslungene griechische Intervention. So verzichtete man auf die Entwicklung eines Masterplans für ein städteplanerisches Organisationskonzept und überließ stattdessen den Wohnungsbau ganz dem privaten Sektor.
Von manchen verantwortlich gemacht für die chaotische Entwicklung von Athen, unterstützte dieses flexible System das Entstehen von lebendigen Nachbarschaften und führte zu einer guten Mischung von Wohnen und Arbeiten. Das Potenzial der Polykatoikia ist nicht von der Hand zu weisen und so frage ich mich: Was wird aus dieser Ruine? Kann aus diesem Fragment ein Ort zum Wohnen und zum Arbeiten entstehen? Oder bleibt es sein Schicksal, für immer unfertig zu sein?
Gloria Glatt

zur Prerson:
Gloria stellte sich bei uns mit einem Uni-Projekt vor, welches die Belebung der Polykatoikia zum Inhalt hatte. Das fanden wir sehr überzeugend – wie eigentlich alles, was sie uns gezeigt hat – und baten deshalb um ein Haus des Monats.

Wir sagen Gloria herzlichen Dank für diesen äußerst belebenden Beitrag.
Thomas Gerstmeir, Januar 2021

Foto: Gloria Glatt